Die Lagerdörfer – antike Reihenhaussiedlungen am Limes

Mit der Anlage des Limes durch die römische Armee entstand eine völlig neue Siedlungslandschaft. Die Kastelle waren nun die Anziehungspunkte für Siedler. Vor ihren Mauern entstanden schnell zivile Ansiedlungen: die Lagerdörfer (Kastellvici).

Siedlungsplanung vor dem Kastell

Vom Militär mitgeplant, entwickelten sich diese Dörfer entlang der von den Kastellen ausgehenden Fernstraßen. Hier standen die Wohngebäude wie in einer modernen Reihenhaussiedlung dicht nebeneinander. Dabei wurde darauf geachtet, eine geschlossene Baufront zur Straße hin einzuhalten. Mehrere Grundstücke fasste man zu "Wohnblocks" zusammen, zwischen denen Gassen verliefen.

Reihenhaus mit Keller, Werkstatt und Garten

Die Bebauung der Lagerdörfer prägten die Streifenhäuser, langrechteckige, ein- oder zweigeschossigen Gebäude. Sie waren bis zu 35 m lang und mit der Schmalseite zur Straße hin ausgerichtet. Auf dieser Seite verlief oft ein überdachter Laubengang (porticus). An der Straßenseite lagen die Keller der Häuser, befanden sich Werkstätten, Kneipen und Geschäfte. An die Wohnräume im Mittelteil der Häuser schloss im rückwärtigen Bereich ein Hof-/Gartenareal an.

Steinbau löst Fachwerk ab

Bis in das 3. Jahrhundert hinein baute man diese Gebäude nur mit Holz und Lehm in Fachwerktechnik. Erst dann ging man auch hier zum Steinbau über. Die Dächer waren meist mit Holzschindeln oder Schieferplatten gedeckt.

Lagerdörfer im Gießener Land

Hausgrundrisse und sogar die Struktur einer solchen Siedlung kennt man auch vom Limes im Gießener Land. Luftbilder und die Ergebnisse moderner geophysikalischer Messungen geben uns heute Einblicke in die Bebauung der Lagerdörfer von Arnsburg und Inheiden.

Forum, Tempel und Amphitheater in Arnsburg

In der mehrere Hektar großen Siedlung südlich des Kastells Arnsburg lebten vermutlich mehrere hundert Menschen. Offenbar gab es hier sogar einige für ein Lagerdorf ungewöhnliche öffentliche Bauten wie einen großen Marktplatz (forum) mit Basilika, Tempel und ein Amphitheater für Gladiatorenkämpfe.

So wohnte man in der Provinz

Die Lagerdörfer prägten das Siedlungsbild in den Grenzprovinzen des Römischen Reiches. Sie besaßen oft den Charakter eines Straßendorfs und boten nicht nur Wohnraum für die Angehörigen der Soldaten, sondern auch für Gastwirte, Händler oder Handwerker. Mit ihren öffentlichen Einrichtungen wie Bädern und Märkten sowie Heiligtümern waren die Kastelldörfer Zentren von Wirtschaft, Religion und Kultur in den Regionen am Rande des antiken Weltreiches.

Keimzelle von Städten

Einige Kastellvici bilden die Keimzelle heutiger Städten wie Friedberg.

(Florian Lichtblau, Institut für Altertumswissenschaften der Justus-Liebig-Universität)